Wenn ein wenig genug ist

02. 08. 2020

Pfr. Dr. Emmanuel C. Umeh



18. Sonntag im Jahreskreis


1. Lesung: Jesaja 55,1-3
2. Lesung: Römer 8,25.37-39
Evangelium: Matthäus 14,13-21


Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Es war einmal, um genau zu sein, im Jahre 1337, da lebte ein berühmter italienischer Gelehrter und Dichter, der das Leben in der Großstadt als eine Belastung empfand. Petrarca lebte in Avignon und bekam immer wieder kleinere Aufträge. Zu dieser Zeit war Avignon der Sitz des Papsttums. Petrarca hatte sich bereits einen Namen gemacht, aber eines Tages packte er alle seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg, sich auf das ruhige Land zurückzuziehen, um dort Frieden zu finden und seinen unruhigen Geist zu stillen. Dort hatte er Zeit, die Einsamkeit zu genießen, sogar Zeit, zu schreiben:
nicht überfüllt, gestoßen, getreten zu werden; 
nicht zu Banketten gezerrt zu werden, wenn man keinen Hunger hat;
nicht zum Reden gezwungen zu werden, wenn man lieber nichts sagt;
nicht in unangenehmen Momenten begrüßt zu werden;
nicht umklammert und an Straßenecken gehalten zu werden,
nicht den Tag zu verbringen nach dem törichten Gebot der Mode, den Blick auf vorbeiziehende Menschenmengen.
Denken Sie, was es bedeutet, nicht in Langeweile alt zu werden.
Petrarcas Flucht schockierte seine Freunde und Bewunderer in Avignon, die ihn für verrückt hielten, seine Talente in der Wildnis zu begraben. Seine Flucht in die Wüste von Vaucluse, zweiunddreißig Kilometer von der Zivilisation entfernt, verursachte eine Sensation; sogar einige Bischöfe versuchten ihn zu überreden, das einsame Leben den Mönchen zu überlassen und zum Gericht zurückzukehren. Aber Petrarca bestand darauf: Was er suchte, konnte nur in der Einsamkeit gefunden werden, sagte er. Und was er suchte, war er selbst.
Im heutigen Evangelium hören wir, wie Jesus mit dem Boot in eine einsame Gegend fuhr, um allein zu sein. Johannes der Täufer war hingerichtet worden und als Jesus die Nachricht von seinem grausamen Tod hörte, zog er sich an einen einsamen Ort in die Wüste zurück. Er zog zu demselben Ort, an dem Johannes der Täufer selbst gelebt hatte. Aber so wie die Menschen Johannes den Täufer in der Wüste aufsuchten, folgten sie Jesus bis in die Wüste. Und als Jesus sie sah, hatte er Mitleid mit ihnen. Er wusste, warum sie ihn suchten. Sie waren mit ihrer Familie und ihren Freunden in der Hoffnung gekommen, dass Jesus etwas für sie tun werde. Jesus hatte Mitleid mit den Menschen und er heilte viele, die krank waren.
Jesu Verlangen nach Ruhe wurde von seinem Mitgefühl für die vielen Menschen überholt. Die Jünger Jesu hatten ein Problem damit, weil es so viele Menschen waren und sie rieten Jesus: „Schick die Leute weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!“ (Matthäus 14,15). Die Jünger glaubten, dass, wenn alle diese Menschen weggehen würden, sich Jesus in Frieden ausruhen könne.
Es gibt keine Andeutung im Evangelium, dass die vielen Menschen tatsächlich Jesus suchen, damit er sie mit Nahrung versorgt; aber Jesus sieht darin sowieso kein Problem. Er fordert seine Jünger auf: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Matthäus 14,16). Sie zeigen auf das Wenige, das sie haben; Jesus aber nimmt das Wenige, das sie haben, erhebt seine Augen zum Himmel, segnet es und gibt es den Jüngern, um es der Menschenmenge zu geben. Und alle aßen und wurden satt. Das eigentliche Wunder ist nicht die Brotvermehrung; das wahre Wunder ist, dass das wenige Essen, das Jesus und seine Jünger haben, für jeden der Menschen dort ausreichend ist. In der Tat haben sie mehr als genug. Obwohl Jesus und seine Jünger müde sind und nur genug Nahrung für sich selbst haben, verfügen sie - mit dem Segen Gottes - über ausreichende Mittel, um den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.
Jesus gibt den Menschen alles, was er ihnen geben kann: Das ist die Lehre Jesu in der pastoralen Praxis. Als Jesus den konkreten Bedürfnissen der Menschen gegenübersteht, sieht er nicht die Notwendigkeit, jemanden wegzuschicken; aber als er die brutale Kraft des Herodes am Werk sieht, fühlt er das Bedürfnis, selbst wegzugehen. Wir wissen nicht, wie sich der Tod von Johannes dem Täufer auf Jesus auswirkte, aber wir wissen, dass Johannes eine einzigartige Rolle bei der Gestaltung des Lebens Jesu spielte. Sein gewaltsamer Tod muss Jesus betrübt haben und ihn zwangsläufig über seine eigene Zukunft nachdenken haben lassen. Aus dem Evangelium erfahren wir, dass die Nachricht vom Tod des Johannes Jesus dazu bringt, sich zurückzuziehen.
Jesus braucht eine Zeit der Besinnung und der Ruhe, um Bestärkung von seinem himmlischen Vater zu bekommen. Er ist kein Roboter. Er spürt die Notwendigkeit, sich zurückzuziehen, seine Gedanken zu sammeln und zu beten. Doch sein Bedürfnis nach Frieden ist nicht übergeordnet; es wird durch die Bedürfnisse anderer ersetzt.
Wir können alle bereitwillig mitfühlen mit dem Bedürfnis Jesu, wegzukommen. Wie der Dichter Petrarca erleben wir alle die Sehnsucht, nicht überfüllt, gestoßen, und getreten zu werden. Wir brauchen unsere Zeit der Ruhe, unsere Kurzurlaube und unsere Ferien.
Wenn wir dieses Bedürfnis nicht beantworten, werden wir alle ausgebrannt oder verbrannt. Aber Gott braucht uns nicht als Brandopfer. So sind wir für niemanden gut. Wir können nur geben, was wir geben können und die große Lehre des heutigen Evangeliums ist, dass selbst das Wenige, das wir geben, mehr als genug sein kann. Mehr zu verlangen, könnte kriminell sein. Und das ist die Art von Überfluss, die niemand braucht.
Wir bitten um die Fürbitte der Gottesmutter Maria, dass wir in unserem Herzen nach der himmlischen Speise verlangen als nach dem Irdischen! Der Segen Gottes begleite uns dazu.
Amen!